{"id":249,"date":"2015-05-07T10:31:51","date_gmt":"2015-05-07T08:31:51","guid":{"rendered":"http:\/\/tibor-nemeth.at\/?page_id=249"},"modified":"2024-05-15T08:10:30","modified_gmt":"2024-05-15T06:10:30","slug":"die-gegenwart","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/tibor-nemeth.at\/?page_id=249","title":{"rendered":"Die Gegenwart&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;.ist keine kultivierte Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan wird dazu kommen, das Beliebige Hin- und Herschlagen mit F\u00e4usten auf dem Klavier in irgend welchen f\u00fcnf oder siebenteiligen Rhythmen auch noch f\u00fcr interessante Kunst zu halten. Erst dann wird man, wenn man ganz ins nat\u00fcrliche bestialische Chaos zur\u00fcckgefallen ist, wieder von vorne anfangen. So wird es auch mit dem Ethischen und Sozialen gehen, das sich die Kulturnationen m\u00fchsam erworben haben. Man will zum Urzustand zur\u00fcck. Freut mich, dass ich es nicht erlebe.\u201c <em>(Theodor Billroth, 1892<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Gegenwart ist eine zivilisierte, keine kultivierte Zeit. Damit scheidet eine ganze Reihe von Lebensinhalten als unm\u00f6glich aus. Man kann das bedauern und dies Bedauern in eine pessimistische Philosophie und Lyrik kleiden \u2013 und man wird das k\u00fcnftig tun -, aber man kann es nicht \u00e4ndern. Es wird nicht erlaubt sein, im Heute und Morgen mit aller Selbstsicherheit die Geburt oder Bl\u00fcte von dem anzunehmen, was man gerade w\u00fcnscht, wenn auch die historische Erfahrung laut genug dagegen redet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin auf den Einwand gefasst, dass ein solcher Weltaspekt, der \u00fcber die Umrisse und die Zukunft Gewissheit gibt und weitgehende Hoffnungen abschneidet, lebensfeindlich und f\u00fcr viele ein Verh\u00e4ngnis sei (\u2026). Ich bin nicht der Meinung. Wir sind zivilisierte Menschen, nicht Menschen der Gotik oder des Rokoko; wir haben mit den harten und kalten Tatsachen eines <em>sp\u00e4ten<\/em> Lebens zu rechnen, dessen Parallele nicht im perikleischen Athen, sondern im c\u00e4sarischen Rom liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von einer gro\u00dfen Malerei und Musik wird f\u00fcr den westeurop\u00e4ischen Menschen nicht mehr die Rede sein. Seine architektonischen M\u00f6glichkeiten sind seit hundert Jahren ersch\u00f6pft. Ihm sind nur extensive M\u00f6glichkeiten geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich sehe den Nachteil nicht, der entstehen k\u00f6nnte, wenn eine t\u00fcchtige und von unbegrenzten Hoffnungen geschwellte Generation beizeiten erf\u00e4hrt, dass ein Teil dieser Hoffnungen zu Fehlschl\u00e4gen f\u00fchren muss. M\u00f6gen es die teuersten sein; wer etwas wert ist, wird das \u00fcberwinden. Es ist wahr, dass es f\u00fcr einzelne tragisch ausgehen kann, wenn sich ihrer in den entscheidenden Jahren die Gewissheit bem\u00e4chtigt, dass im Bereiche der Architektur, des Dramas, der Malerei, <em>f\u00fcr sie<\/em> nichts mehr zu erobern ist. M\u00f6gen sie zugrunde gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man war sich bisher einig dar\u00fcber, hier keinerlei Schranken anzuerkennen; man glaubte, dass jede Zeit auf jedem Gebiet auch ihre Aufgabe habe; man fand sie, wenn es sein musste, mit Gewalt und schlechtem Gewissen, und jedenfalls stellte es sich erst nach dem Tode heraus, ob der Glaube einen Grund hatte und ob die Arbeit eines Lebens <em>notwendig oder \u00fcberfl\u00fcssig<\/em> gewesen war. Aber jeder, der nicht blo\u00dfer Romantiker ist, wird diese Ausflucht ablehnen. (\u2026)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich betrachte diese Lehre als eine Wohltat f\u00fcr die kommenden Generationen, weil sie ihnen zeigt, was m\u00f6glich und also notwendig ist und was nicht zu den innern M\u00f6glichkeiten der Zeit geh\u00f6rt. Es ist bisher eine Unsumme von Geist und Kraft auf falschen Wegen verschwendet worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der westeurop\u00e4ische Mensch, so historisch er denkt und f\u00fchlt, ist in einem gewissen Lebensalter sich nie seiner eigenen Richtung bewusst. Er tastet und sucht und verirrt sich, wenn die \u00e4u\u00dferen Anl\u00e4sse ihm nicht g\u00fcnstig sind. Hier endlich hat die Arbeit von Jahrhunderten ihm die M\u00f6glichkeit gegeben, die Lage seines Lebens im Zusammenhang mit der Gesamtkultur zu \u00fcbersehen und zu pr\u00fcfen, was er kann und soll.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e\u2026wir haben diese Zeit nicht <em>gew\u00e4hlt<\/em>. Wir k\u00f6nnen es nicht \u00e4ndern, dass wir als Menschen des beginnenden Winters der vollen Zivilisation und nicht auf der Sonnenh\u00f6he einer reifen Kultur zur Zeit des Phidias oder Mozart geboren sind. Es h\u00e4ngt alles davon ab, dass man sich diese Lage, dies <em>Schicksal<\/em> klar macht und begreift, dass man sich dar\u00fcber bel\u00fcgen, aber nicht hinwegsetzen kann.\u201c <em>(Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1922\/23)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSo hatte sich also die Zeit ge\u00e4ndert, wie ein Tag, der strahlend blau beginnt und sich sacht verschleiert, und hatte nicht die Freundlichkeit besessen, auf Ulrich zu warten. Er vergalt es seiner Zeit damit, dass er die Ursache f\u00fcr die geheimnisvollen Ver\u00e4nderungen, die ihre Krankheit bildeten, indem sie das Genie aufzehrten, f\u00fcr ganz gew\u00f6hnliche Dummheit hielt. Durchaus nicht in einem beleidigenden Sinn. Denn wenn die Dummheit nicht von innen dem Talent zum Verwechseln \u00e4hnlich sehen w\u00fcrde, wenn sie au\u00dfen nicht als Fortschritt, Genie, Hoffnung, Verbesserung erscheinen k\u00f6nnte, w\u00fcrde wohl niemand dumm sein wollen, und es w\u00fcrde keine Dummheit geben. Zumindest w\u00e4re es sehr leicht, sie zu bek\u00e4mpfen. (\u2026)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verst\u00fcnde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen. Die Wahrheit dagegen hat jeweils nur ein Kleid und einen Weg und ist immer im Nachteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Weile hatte Ulrich aber in Verbindung damit einen wunderlichen Einfall. Er stellte sich vor, der gro\u00dfe Kirchenphilosoph Thomas von Aquino, gestorben 1274, nachdem er die Gedanken seiner Zeit uns\u00e4glich m\u00fchevoll in beste Ordnung gebracht hatte, w\u00e4re damit noch gr\u00fcndlicher in die Tiefe gegangen und soeben erst fertig geworden; nun trat er, durch besondere Gnade jung geblieben, mit vielen Folianten unter dem Arm aus seiner rundbogigen Haust\u00fcr, und eine Elektrische saust ihm an der Nase vorbei. Das verst\u00e4ndnislose Staunen des Doctor universalis, wie die Vergangenheit den ber\u00fchmten Thomas genannt hat, belustigte ihn. (\u2026)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan kann seiner eignen Zeit nicht b\u00f6se sein, ohne selbst Schaden zu nehmen\u201c f\u00fchlte Ulrich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war auch jederzeit bereit, alle diese Gestaltungen des Lebendigen zu lieben. Was er niemals zustande brachte, war blo\u00df, sie restlos, so wie es das soziale Wohlgef\u00fchl erfordert, zu lieben; seit langem blieb ein Hauch von Abneigung \u00fcber allem liegen, was er trieb und erlebte, ein Schatten von Ohnmacht und Einsamkeit, eine universale Abneigung, zu der er die erg\u00e4nzende Neigung nicht finden konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ihm zuweilen geradeso zumute, als w\u00e4re er mit einer Begabung geboren, f\u00fcr die es gegenw\u00e4rtig kein Ziel gab.\u201c <em>(Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, 1931\/32)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><br \/>\n<script type=\"text\/javascript\">\/\/ <![CDATA[\n\n\n  var _gaq = _gaq || [];<br \/>\n  _gaq.push(['_setAccount', 'UA-31294813-1']);<br \/>\n  _gaq.push(['_trackPageview']);<\/p>\n\n\n\n\n<p>  (function() {<br \/>\n    var ga = document.createElement('script'); ga.type = 'text\/javascript'; ga.async = true;<br \/>\n    ga.src = ('https:' == document.location.protocol ? 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